Wir leben im Jetzt. Und doch haben wir unsere Vergangenheit im Gepäck.
Was wir erlebt, gefühlt und über uns selbst und das Leben gelernt haben, begleitet uns. Es beeinflusst, wie wir Situationen wahrnehmen, Beziehungen gestalten und auf das reagieren, was uns heute begegnet.
Manchmal bleiben wir still, obwohl wir heute sprechen könnten.
Wir passen uns an, obwohl wir eine eigene Entscheidung treffen könnten.
Wir haben Angst, obwohl die Situation und die Menschen heute andere sind als damals.
Oft wirkt in solchen Reaktionen eine frühere Erfahrung mit.
Vielleicht haben wir einmal gelernt, dass es besser ist, nichts zu sagen. Dass Widerspruch Ärger auslöst. Dass unsere Gefühle nicht erwünscht sind. Oder dass wir stark sein, funktionieren und uns anpassen müssen.
Damals konnte dieses Verhalten nützlich oder notwendig sein. Es hat uns vielleicht geschützt, Zugehörigkeit gesichert oder geholfen, mit Schwierigkeiten umzugehen.
Doch was uns einmal geholfen hat, kann uns später begrenzen.
In die Vergangenheit zu schauen bedeutet nicht, dort bleiben zu müssen oder Schuldige zu suchen. Es bedeutet, Zusammenhänge zu erkennen und zu verstehen:
In meiner heutigen Reaktion wirkt etwas von damals mit.
Heute kann es anders sein.
Die Situation ist heute eine andere. Ich habe andere Möglichkeiten. Ich kann sprechen, entscheiden, Grenzen setzen, mich zeigen oder einen neuen Weg wählen.
Auch vieles, was wir für wahr und richtig halten, haben wir gelernt oder übernommen:
Die Bedürfnisse anderer sind wichtiger.
Liebe muss ich mir verdienen.
Konflikte zerstören Beziehungen.
Sicherheit gibt es nur durch Kontrolle.
Doch nur weil wir etwas gelernt oder übernommen haben, ist es nicht automatisch wahr.
Es geht aber nicht nur darum, was die Vergangenheit mit uns macht, sondern auch darum, wie wir zu ihr stehen.
Manches möchten wir am liebsten weghaben. Wir wünschen uns, es wäre anders gewesen. Das betrifft Erfahrungen mit anderen Menschen ebenso wie eigene Handlungen und Entscheidungen.
Manche Entscheidungen und Taten bedauern wir bis heute. Oft fühlen wir uns schuldig, weil wir etwas getan haben, das nach den Regeln unserer Familie oder Herkunft verboten war oder ist. Oder wir haben etwas getan, über das wir bis heute nicht sprechen können oder wollen.
Wenn wir daran denken, schämen wir uns oder machen uns Vorwürfe.
Doch nicht jedes Schuldgefühl bedeutet, dass wir falsch gehandelt haben. Manchmal zeigt es nur, dass wir einen eigenen Weg gegangen sind.
Kann ich auch diesen Teil meiner Vergangenheit ansehen und anerkennen?
Ich hätte mir manches anders gewünscht. Manche Entscheidungen würde ich heute anders treffen. Und dennoch habe ich damals so gehandelt. Auch das gehört zu meiner Geschichte.
Anerkennen und akzeptieren bedeutet nicht, alles gut oder richtig zu finden. Es bedeutet, ehrlich hinzuschauen und dem, was war, seinen Platz zu geben.
Vielleicht magst du dich fragen:
- Was gehört zu damals?
- Was ist heute tatsächlich da?
- Und was darf jetzt anders werden?
Aus einem klareren Blick auf unsere Geschichte und unser heutiges Leben kann eine bewusste Entscheidung entstehen.
Deine Vergangenheit bleibt ein Teil deiner Geschichte. Aber sie muss nicht bestimmen, wie diese Geschichte weitergeht.
Herzlichst
Alois Mennel